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Märchen des Monats

Die schönste aller Blumen

Vor langer Zeit lebte einmal ein Prinz, der hasste seinen Vater. Die beiden lagen immer im Streit miteinander, und der König weigerte sich, seinem Sohn einen Teil des Königreiches abzutreten.
Der Prinz heiratete und bekam schon bald eine Tochter, aber sein Leben schien ihm langweilig. Er hatte nichts Sinnvolles zu tun und vertrödelte seine Zeit, während sein Vater älter und älter und immer mürrischer wurde.
Schliesslich starb der König, und der Prinz, der sich in seinen besten Jahren befand, sah sich auf einmal als grosser, mächtiger König. Leider hatte er aber weder die Weisheit noch die Erfahrung, mit dieser Macht umzugehen. Als seine erste Amtshandlung erliess er einen Befehl, der besagte, dass alle alten Leute das Königreich innerhalb einer Woche verlassen müssten, sonst würden sie getötet.
„Alte Leute sind nutzlos" rief er aus. „Sie stehen den jüngeren Leuten und ihren Ideen nur im Wege.
Schon bald waren die Strassen voll mit alten Menschen, die sich auf die Suche nach Schutz in benachbarten Königreichen machten. Und bereits eine Woche später war nirgends im Königreich noch ein alter Mann oder eine alte Frau zu finden. Dann wurden die Soldaten ausgesandt, die nach solchen, die sich versteckten, suchen - und alle, die sie fanden oder ihnen Schutz boten, töten sollten.
„Jetzt", sagte der König, „ist mein Land frei von alten Narren, und eine neue Zeit kann anbrechen."
Aber verborgen vor den Augen des Königs blieb ein alter Mann im Königreich zurück. Da lebte ein junger Bauer, dessen Eltern waren gestorben, als er noch ein Kind war. Deshalb hatte sein Grossvater ihn erzogen und ihm sein Wissen über den Ackerbau und die Viehzucht weitergegeben. Der junge Bauer liebte und schätzte den weisen, alten Mann, und so versteckte er ihn in einem leeren Wasserfass. Als die ausgesandten Soldaten seinen Hof erreichten, gab der Bauer ihnen von seinem selbstgebrauten Bier zu trinken, so dass sie schon bald betrunken waren und so nachlässig suchten, dass sie das Fass übersahen.
Die Jahre vergingen, und um das Königreich war es nicht gut bestellt. Ohne weise und alte Berater, die ihm hätten zur Seite stehen können, gab sich der König ausschliesslich seinen Vergnügungen hin, was häufig schlimme Folgen hatte. Das grösste Unglück aber gab es, als die Zeit kam, einen Gemahl für seine eigene Tochter zu finden. Er machte sich nicht die Mühe, nach jungen Männern von gutem Ansehen und hoher Geburt Ausschau zu halten, unter denen die Prinzessin wählen könnte. Stattdessen befahl er, dass alle jungen, unverheirateten Männer des Reiches zum Palast zu kommen hätten, und derjenige, der am schnellsten drei Rätsel lösen könne, solle die Hand seiner Tochter bekommen. Das bekümmerte die Prinzessin, doch sie wusste, dass es sinnlos war, sich den Launen ihres Vaters zu widersetzen.
Der Bauer war einer der ersten jungen Männer, die zum Palast gerufen wurden, und als er am Abend zurückkehrte, erzählte er seinem alten Grossvater von dem ersten Rätsel. „Im Morgengrauen müssen wir alle zusammen einen Hügel besteigen", sagte er, „und den genauen Moment des Sonnenaufganges erraten."
Der alte Mann lächelte. „All die anderen jungen Männer werden Richtung Osten schauen, wo die Sonne aufgeht", sagte er zu seinem Enkel. „Du aber musst Richtung Westen zu den hohen Bergen schauen, und wenn du siehst, wie die ersten Sonnenstrahlen auf den höchsten Gipfel fallen, musst du rufen Jetzt!', denn genau in dem Moment wird man die Sonne im Osten erblicken können."
Der junge Bauer tat so, wie ihn der Grossvater geheissen hatte, und der König war begeistert von seiner Schnelligkeit. „Ich bin neugierig, wie du das zweite Rätsel löst", sagte er.
Der junge Bauer ging nach Hause und sagte seinem Grossvater: „Morgen müssen wir vor dem König erscheinen und ,barfuss Schuhe tragen." „Ach, das ist einfach", sagte der Grossvater, nahm ein Paar Schuhe des Bauern und schnitt ihnen sorgfältig die Sohlen ab. Von oben betrachtet schien es, als gehe der junge Mann in Schuhen, in Wirklichkeit aber ging er barfuss.
Am nächsten Tag trugen die meisten der anderen Bewerber nur einen Schuh, einige erschienen auch nur in Socken. Der König aber entschied, dass der junge Bauer der Einzige war, der das Rätsel gelöst hatte.
Nachdem der junge Mann aber die dritte Aufgabe gehört hatte, kehrte er in tiefer Verzweiflung zu seinem Hof zurück. „Diesmal", sagte er seinem Grossvater, „müssen wir der Prinzessin die wohlriechendste und schönste aller Blumen auf der ganzen Welt bringen. Reichere Männer werden sich in fernen Ländern auf die Suche nach exotischen Blumen machen können, während ich nur unter den wildwachsenden Blumen unserer Gegend die Wahl habe."
Aber der alte Mann lachte nur. Er gab seinem Enkel eine einzelne Kornähre, die er der Prinzessin bringen sollte, und erzählte ihm, was er ihr sagen sollte.
Am nächsten Morgen sahen die Stufen vor dem Palast aus wie eine königliche Gärtnerei. Die anderen jungen Männer hatten ihr ganzes Vermögen darauf verwendet, die buntesten und wohlriechendsten Blumen der Welt zu kaufen, und nachdem die Prinzessin an einigen gerochen hatte, begann sie sie zu langweilen.
Als der junge Bauer ihr eine einzelne Kornähre überreichte, schaute sie ihn erstaunt an. Der König wurde rot vor Zorn. „Was soll das?", fragte er zornig. „Glaubst du, meine Tochter verdient kein besseres Geschenk als dein Korn?"
„Ich bin nur ein einfacher Bauer, Eure Majestät", sagte der junge man, „und ich habe der Prinzessin die schönste Blume gebracht, die ich kenne. Es gibt nichts Schöneres anzuschauen als ein goldenes Weizenfeld im Wind, und nichts duftet herrlicher als frisch gebackenes Brot." „Er hat Recht!" sagte die Prinzessin lachend und der König nickte. „Er hat wirklich Recht!" sagte er, „und wenn du ihn heiraten möchtest, meine Tochter, soll er dein Gemahl und mein Thronfolger werden." Die Prinzessin freute sich, denn der junge Mann gefiel ihr sehr.
Als sie gemeinsam zum Palast gingen, fragte der König den jungen Mann, woher er all seine Weisheit habe. Der Bauer zögerte, da er den Zorn des Königs fürchtete, wenn er die Wahrheit sagte. Doch dann nahm er all seinen Mut zusammen und erzählte, wie er den Grossvater versteckt hatte, da er ihn so sehr liebte und so oft gute Ratschläge von ihm bekommen hatte.
Da zögerte der König und wurde nachdenklich. Seit einiger zeit dachte er darüber nach, dass er selbst bald ein alter Mann sein würde, und er wünschte sich einen Schwiegersohn, der ihn liebte und respektierte. Wer könnte da eine bessere Wahl sein, dachte er, als einer, der aus Liebe zu seinem Grossvater sein Leben gewagt hätte?
„Jetzt erkenne ich", sagte er dem jungen Paar, „dass die Weisheit alter Menschen etwas sehr Wertvolles ist." Der König erliess, dass alle alten Menschen, die aus dem Land geflohen waren, zurückkehren und in grossen Ehren empfangen werden sollten. So kehrte die Weisheit in das Königreich zurück, und von diesem Tag an lebten alle glücklich bis ans Ende ihrer Zeiten.
Märchen aus Osteuropa.

Lotosblume
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